Zusammenfassung des Vortrags von Dr. med. Jean-Claude Wetzel, Wetzikon
Therapieformen der Enuresis nocturna: Warum eine Therapie?
Einleitend fragt man sich, warum man diese Reifungsverzögerung einer Regel- und Kontrollfunktion im menschlichen Körper therapieren soll. Warum nicht einfach warten «bis es von alleine verschwindet»? Warum nicht die biologische Reifung ganz einfach abwarten?
Die Antwort geben am besten betroffene Menschen selbst. Sie können berichten, was es heisst nicht ins Klassenlager fahren zu können oder bei Freunden zu übernachten. Es gibt Betroffene, die jahrelang beispielsweise bis ins 15. Lebensjahr nachts alle 2 Stunden den Wecker stellen, um dann Wasser zu lösen. Häufig erwachen sie morgens trotzdem im nassen Bett. Sie können erklären, was es heisst, seinem besten Freund nicht anvertrauen zu können, was die Blase und ihre unwillkürliche Entleerung nachts für böse Streiche spielt.
Viele kommen sich wie der einzige auf dieser Welt vor, der nachts einnässen muss. Die Angst mit sich herumzutragen, der beste Freund oder Freundin könnte einen auslachen, ist unerträglich. Aus Scham und Angst, entdeckt zu werden, nehmen viele Betroffene an sozialen Aktivitäten wie Sportclub-, Pfadi- oder Klassenlager nicht teil und wollen immer im Kreise der engsten Familie übernachten.
Warum nicht einfach abwarten? Weil auf diese Art vielen Betroffenen nicht geholfen wird, die sich nichts sehnlicher herbeiwünschen, als einen «Wasserhahn zudrehen» zu können und damit das Bett trocken zu behalten. Gerade deshalb, weil es heute Möglichkeiten gibt zu helfen, darf man nicht mehr Schweigen und nur einfach zuwarten «bis es von alleine verschwindet»!
Welche Therapieformen gibt es?
Wir kennen die medikamentöse Ersatzbehandlung mit Desmopressin, die in 60 bis 70 % der Fälle innert 4 bis 6 Monaten zur ersehnten nächtlichen Trockenheit führen kann. Desmopressin ersetzt das körpereigene Hormon ADH, das in ungenügender Menge ausgeschüttet wird.
Mit sogenannten «Weckapparaten» versucht man die Blasenkontrolle zu «trainieren». Der Weckapparat wird nachts angewendet. Er löst beim ersten Tropfen in der Hose einen Alarm aus, der das Kind aufweckt. Der Weckapparat übernimmt damit eine Funktion, die bei den meisten natürlich geschieht.
Die Komplementär-Medizin stellt auch Behandlungsformen wie Homöopathie und Akupunktur zur Verfügung. Leider sind hier keine genaueren statistischen Zahlen bekannt. Aber auch da habe ich im Rahmen meiner Praxistätigkeit Erfolge beim Trockenwerden miterleben dürfen.
Wie können wir Betroffenen und deren Familien helfen?
Es braucht in der Bevölkerung mehr Verständnis für diese unglückliche Programmverzögerung der Natur im Körper der betroffenen Mitmenschen. Dies verlangt eine breite «Aufklärung», d.h. eine offene Diskussion. Nur so erhalten alle betroffenen Menschen Zugang zu den verschiedenen Therapieformen. Und nur so kann es einmal soweit kommen, dass Betroffene sich für ihr kleines Problem so wenig schämen müssen, wie beispielsweise Kinder, die eine Brille tragen müssen.
Die meisten Therapieformen führen früher zu Trockenheit als ohne Behandlung und verkürzen so einen unnötigen Leidensweg. Sie beugen belastenden psychischen Verhaltensänderung vor. Der Frust, seine Blase nicht kontrollieren zu können, ist unnötig! Die Therapieformen sollten jedem betroffenen Menschen über 6 Jahren prinzipiell zugänglich sein.
Deshalb mein Aufruf: Das Bettnässen ist kein Geheimnis und hätte auch nie eins werden müssen. Reden Sie übers Bettnässen. Informieren Sie in Ihrem Freizeitklub, in ihrer medizinischen Ausbildung, in ihrer Jugendorganisation über die falschen Vorurteile und über die Möglichkeiten, die Betroffenen zur Verfügung stehen!
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